Warum ich auf eine gedruckte Zeitung verzichten kann
by Jonathan
In den letzten 3,8 Jahren habe ich laut Google über 54.000 Artikel gelesen. Wenn man von einen Durchschnittswert von 44 Artikeln pro Zeitung ausgeht [1] und berücksichtigt, dass Artikel online häufig kürzer sind als im Print-Bereich[2] und dann noch die Artikel grob überschlägt, die nicht über den Reader hereinkommen, sondern über andere Kanäle, dann lese ich im Schnitt pro Tag eine Zeitung.
Im genannten Zeitraum habe dies im Arbeitszimmer am MacBook, auf der Couch mit iPad und iPhone oder auch unterwegs in Bahn, Tram und Flugzeug getan – und natürlich auch im Büro, wenn ich beruflich relevante Blogs gelesen habe.
Tatsächlich nutze überbrücke ich sehr gerne Wartezeiten um schnell den ein oder anderen Artikel in NetNewsWire auf dem iPhone zu lesen. Längere Artikel verschiebe ich dann oft in Instapaper, um sie später in Ruhe zu lesen, aber auch das Lesen der kurzen „Informationshäppchen“ gibt mir das gute Gefühl auf dem Laufenden zu bleiben und nicht den Anschluss zu verlieren.
Neben der Unabhängigkeit vom gedruckten Papier der Tageszeitung und der flexiblen Nutzung der verschiedenen Geräte in den jeweiligen Situationen überwiegt beim Lesen von Feeds auch die Vielfalt. Google zeigt mir an, dass ich in den letzten 30 Tagen Informationen aus 127 verschiedenen Quellen herangezogen habe. Hinter jeder Quelle steckt ein (oder mehrere) Blogger oder Redakteur, der selbst seine unzähligen Quellen nutzt. Auf diese Weise gelange ich an an sehr viel breiteres Spektrum, als es mir jede Zeitung bieten könnte. Natürlich werden auch Artikel aus den verschiedenen Zeitungen herangezogen um auf etwas hinzuweisen oder über einen Artikel zu informieren, aber die Zeitung ist nicht mehr die primäre Quelle.
Somit fällt der „Blick über den Tellerrand“ auch leichter. So liegt zwischen FAZ, Spiegel, TAZ und Welt oft nur ein Mausklick. Natürlich beurteile ich einen Artikel ja nach Quelle unterschiedlich, aber durch die Vorauswahl der Blogger lese ich Artikel, die ich sonst vermutlich nie gelese hätte. Das gilt im verstärkten Maße für englische Quellen.
Auch eine Diskussion über ein Thema fällt sehr viel leichter, wenn man einen guten (oder gerne auch provokanten) Artikel über Twitter, Facebook oder Google+ weiterempfehlt, als wenn man den Artikel erst scannen und faxen oder gar ausschneiden per Brief weiterverschicken muss. Ich stelle fest, dass die Diskussionen zwischen mir und meinem Vater zunehmen, seitdem wir uns regelmäßig E-Mails mit Links zu Artikel schicken.
Bei technischen Themen kommt man sowieso nicht umhin, die relevanten Technik-Blogs zu verfolgen, welche häufig auf die Eintrag der jeweiligen Projektgruppen verweisen. Hier zeigt sich der Vorteil der digitalen Medien am stärksten: noch näher am Geschehen kann man kaum sein.
Für mich persönlich ist das Medium „Print“ nicht mehr relevant – die Zeitungen hingegen schon. Die journalistische Kompetenz und die resultierende Qualität ist ein Alleinstellungsmerkmal der Zeitungen, welches die meisten Blogger nicht bieten können. Auch in harten Zeiten, in denen Leser und Werbeumsätze zurückgehen, sollen Zeitungen auf Qualität setzen und den Rotstift woanders ansetzen: Wer braucht denn heute noch gedruckte Tabellen mit Börseninformationen?
Momentan erleben wir ein vorsichtiges Herantasten und Experimentieren der Verläge auf dem iPad. Während die (meist US-amerikanischen) Pioniere mutig voranschreiten und zeigen, welche neuen Möglichkeiten ein Tablet bietet, fehlen noch viele deutsche Größen.
Aber dazu später mehr in diesem Blog. Stay tuned!
[1] Schneider, Maria-Luise: „Zur Rationalität von Volksabstimmungen: der Gentechnikkonflikt im direktdemokratischen Verfahren“ VS Verlag, 30.10.2003
[2] Scheller, Roland: „Linguistische Untersuchungen über Qualitätsveränderungen bei britischen Qualitätszeitungen seit Aufkommen des Internet und infolge des 11. September: Eine Korpusanalyse“ GRIN Verlag, 2008
